FDP Politik Sondierungen

Die Sondierungsgespräche zur Regierungsbildung offenbaren das unvermögen der beteiligten Politiker, Mehrwert durch Zusammenarbeit zu schaffen und führen Wissenslücken in erfolgreicher Verhandlungsführung vor.

Das Fehlen von Verhandlungskompetenz in breiten Kreisen der Politik scheint sich in den vergangenen Sondierungsgesprächen mal wieder zu bestätigen. Was uns bei dem US-amerikanischen Präsidenten Donald J. Trump ein Kopfschütteln abringt und bei Serien-Charakter Frank Underwood seit Jahren gut unterhält, betrifft uns plötzlich ganz unmittelbar selbst. Denn aufgrund mangelnden Verhandlungs-Geschicks hat sich seit der Bundestagswahl noch immer keine Regierung bilden können.

Die Sondierungsgespräche zur Regierungsbildung sind gescheitert und ein Schuldiger musste recht schnell herhalten. Dazu eignete sich natürlich am besten die Partei, die als erste den Verhandlungstisch verlassen hat. Die FDP wurde als Sündenbock deklariert. Ich selbst kommentierte ähnlich in den sozialen Medien. Zu dem Zeitpunkt kannte ich den Ablauf der Verhandlungen allerdings  noch nicht. Am 27.11.2017 wurde jedoch in der F.A.Z. ein Artikel[1] von Peter Carstens[2], Thomas Gutschker[3], Friederike Haupt[4], Lydia Rosenfelder[5] und Volker Zastrow[6] veröffentlicht, der mehr Details zum Verhandlungsverlauf preisgibt. Der Bericht ist eine Chronologie des Scheiterns und der Verhandlungsfehler. Anhand des Originaltextes werde ich, vor dem Hintergrund meiner beruflichen Erfahrung, einige der Vorkommnisse kommentieren. Mir ist bewusst, dass es den „Historiker-Irrtum“ gibt und Menschen im Nachhinein dazu tendieren das Vergangene falsch zu interpretieren oder sich eine kohärente Geschichte daraus zu stricken. Doch hierbei geht es nicht ums Faktische, sondern zum Teil um plumpe handwerkliche Fehler, die im Laufe der Sondierungen gemacht wurden. Und die man mit ein wenig mehr Verhandlungs-Know-how hätte vermeiden können.

Was sind Sondierungsgespräche?

Bevor wir uns der Rückschau anhand des Zeitungsartikels widmen, möchte ich kurz darauf hinweisen, welche Art von Gesprächen stattfanden. Denn es handelte sich nicht etwa um Koalitionsverhandlungen, sondern nur um Sondierungsgespräche. Der Duden liefert dazu folgenden Eintrag: „Gespräch, bei dem die Haltung des Gesprächspartners zu einer bestimmten Frage sondiert werden soll[7]. Koalitionsverhandlungen werden als „Verhandlung über die Bildung einer Regierungskoalition[8] definiert.

Es handelte sich also nur um Vor-Verhandlungen. Das heißt eine Einigung sollte gar nicht Ziel der Gespräche sein, sondern lediglich die Definition des Verhandlungsspielraumes: Ergibt es Sinn, in Verhandlungen einzutreten, oder ist die ZOPA[9] etwa zu klein oder gar nicht vorhanden? Es sollte also sondiert werden, inwieweit die Positionen der drei Parteien zu den entscheidenden Themen vereinbar sein könnten. Ziel sollte auch sein, die Präferenzen der einzelnen Verhandlungsparteien bei jedem Thema herauszufinden. Eine Einigung stand hier nicht im Fokus, sondern das Lernen. Alle teilnehmenden Parteien hatten die Chance etwas über die anderen beiden Parteien zu erfahren: Welche Themen haben oberste Priorität und warum? Wo ist Entgegenkommen möglich? Was braucht der Andere, um einen Deal gut „verkaufen“ zu können? Das Ergebnis hätte am Ende lauten können: „Ja, wir sehen eine mögliche Einigung und fangen jetzt mit den Koalitionsverhandlungen an“.

An dieser Stelle unterscheiden sich die Sondierungsgespräche in keinem Punkt von anderen Verhandlungen, bspw. aus der Wirtschaft. Und ebenfalls irrelevant ist es, dass die Verhandlungspartner politische Parteien sind. In der Wirtschaft sind Mehrparteien-Verhandlungen die Regel, zum Beispiel zwischen mehreren Unternehmen, oder zwischen Unternehmen,  Gewerkschaften und Regulierungsbehörden. Immer vertritt jeder Vertreter am Verhandlungstisch dabei eine ganze Gruppe. Er hat demzufolge eine bestimmte Rolle inne und einen bestimmten Spielraum innerhalb dessen er verhandeln darf. Ob das die Gewerkschafts- oder die Parteispitze ist, ändert nichts an den grundsätzlichen Regeln des Verhandelns.

Der folgende Text ist ein Versuch, die Sondierungsgespräche und das Ausscheiden der FDP anhand des F.A.Z.-Artikels zu analysieren und kommentieren.

 

– Original F.A.Z Artikel mit persönlichen Kommentierungen in GRAUBLAUER Schrift –

 

Woran ist Jamaika wirklich gescheitert?

Von PETER CARSTENS, THOMAS GUTSCHKER, FRIEDERIKE HAUPT, LYDIA ROSENFELDER und VOLKER ZASTROW

27.11.2017 · Die Jamaika-Verhandlungen sind vorbei. Aber was wurde da eigentlich gespielt? Haben die Grünen Punkte gesammelt und die CSU ihr Blatt ausgereizt? Spielte die FDP mit gezinkten Karten, oder hat Angela Merkel zu hoch gepokert? Waren die Verhandlungen vor dem Ziel oder längst auf dem falschen Weg? Innenansichten eines gescheiterten Experiments.

Am Mittwoch, einen Tag bevor die Sondierungen eigentlich enden sollten, saßen Angela Merkel, Peter Altmaier und Armin Laschet zusammen. Es war schon spät, alle anderen waren längst weg. Die drei CDU-Politiker tranken Wein und redeten. Es ging um ein zentrales Thema der Sondierungen. Die Grünen verlangten den Kohleausstieg, nicht komplett, aber doch so weit, dass Deutschland seine Klimaschutzziele für das Jahr 2030 einhalten kann. Um wie viel müsste man die Kraftwerksleistung dafür vermindern? Nach Ansicht von Union und FDP würden drei bis fünf Gigawatt reichen. Die Grünen nannten viel höhere Werte: acht bis zehn. I Eine gewisse Diskrepanz bei Zahlen, Daten und Fakten (ZDF) ist nichts Ungewöhnliches. Jede Verhandlungspartei sollte ZDF – im Fachjargon Standards genannt – nutzen, um ihre Argumente und Forderungen zu untermauern. I

Die Bundeskanzlerin mahnte: „Wir können Jamaika nicht an ein paar Gigawatt scheitern lassen.“ Sie hatte sich einen Kompromiss überlegt: sieben Gigawatt. Laschet schluckte. Zwei Herzen schlagen in seiner Brust. Der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen musste an die heimische Schwerindustrie denken. Die Strompreise könnten steigen, Arbeitsplätze wegfallen. Doch gleichzeitig wollte der liberale Christdemokrat Jamaika. Schon lange träumte er davon, einmal mit den Grünen zu regieren. I Besser als ein Kompromiss, bei dem alle Beteiligten etwas von ihren Forderungen abgeben und so einen für alle eher mittelmäßigen Deal aushandeln, ist es, die Präferenzen des Gegenübers bei allen Themen zu kennen, um konditionale Agreements schließen zu können. Die Zahl sieben scheint aus der Luft gegriffen. Wenn das Angebot nicht fundiert oder konditioniert ist, kann jemand der dagegen ist fragen „Wieso genau sieben? Was wäre wenn wir bei 6,5 oder 7,3 landen?“. Dann feilscht man um Nachkommastellen und verschwendet wichtige Ressourcen, die anderswo gebraucht würden. I

Merkel erinnerte an die Geschichte: daran, wie 1930 die große Koalition der Weimarer Republik zerbrach, weil sich die SPD sträubte, die Arbeitslosenversicherung um einen Viertelprozentpunkt zu kürzen. Es war das Aus für den letzten sozialdemokratischen Reichskanzler, Hermann Müller, drei Jahre später kam Hitler an die Macht. Helmut Schmidt erzählte oft davon, von ihm hat Merkel die Episode. Laschet gab sich einen Ruck: Okay, dann bieten wir eben sieben an.

Sieben Gigawatt also. So trug es Merkel am nächsten Tag vor, Donnerstag, in der Runde der Verhandlungsführer. Christian Lindner, der FDP-Chef, wurde nervös. Er hatte fest auf Laschet gesetzt: Beide regieren ja zusammen in Nordrhein-Westfalen, sind sogar befreundet. Lindner schickte eine Kurznachricht an Laschet: Du akzeptierst das? Laschet bejahte und begründete es, er schickte fast dieselbe Nachricht auch an Merkel. Die las sie dann sofort in der Runde vor: „Die Zahl würde ich trotz aller Bedenken akzeptieren, mit Sozialbedingungen. Zahl im Text reicht, Weg müssen wir nicht vorschreiben.“ Da musste Lindner klar sein: Er hatte Laschet verloren, seinen wichtigsten Verbündeten in der CDU. Merkel hatte sich durchgesetzt. Mal wieder. I Verbindungen zwischen Verhandelnden verschiedener Seiten sind ebenfalls nicht unüblich. Sie sollten sogar aktiv gesucht werden. Durch eine adäquate Vorbereitung sind diese informellen Beziehungen sogar zu stärken. Die Kanzlerin unternimmt hier den zarten Versuch eines konditionalen Agreements. Sie formuliert es leider nicht als Vorschlag, der auf Augenhöhe zwischen den Parteien diskutiert werden kann. Es klingt vielmehr wie beschlossene Sache. Ein Verhandlungspartner, der dagegen ist könnte fragen: „Sprechen Sie jetzt für alle? Den Weg müssen wir nicht vorschreiben? Wer sagt das?“. Wobei die Aussage, dass noch keine konkreten Maßnahmen hinterlegt werden sollten per se richtig ist, da es sich noch um Sondierungsgespräche handelt. I

In der FDP weckte das düstere Erinnerungen. Ein FDP-Mann sagt, es gehöre zur DNA seiner Partei, in Verhandlungen mit Merkel misstrauisch zu sein – seit die FDP nach vier Jahren schwarz-gelber Regierung aus dem Bundestag geflogen war. Die Vorstellung, man habe ein gemeinsames Projekt mit der Union, habe sich damals als Illusion erwiesen. Nun sei „Vorsicht an der Bahnsteigkante“ angesagt. I Die Beziehungen zwischen Union und FDP sind zerrüttet. Eine gewisse Skepsis ist in Verhandlungen sogar hilfreich. Trotzdem wäre der Königsweg gewesen, diese subjektiv problematische Beziehung vorzuverhandeln. Indem es nicht explizit thematisiert wurde, bleibt das Störgefühl die ganze Zeit bestehen. Es beeinflusst die Entscheidungsfindung und die subjektiv empfundene Fairness. I

Und nach einigen Wochen des Sondierens waren die FDP-Leute nicht mehr nur vorsichtig, sondern alarmiert. Manche von ihnen hatten den Eindruck, Merkel wolle ihre Vorstöße „abmoderieren“. Sie sahen die Grünen bevorzugt, sich selbst benachteiligt. Und ein Bekenntnis zu einer gemeinsamen Idee, einem gemeinsamen Ziel hatten sie auch noch nicht vernommen. I Katastrophaler Fehler dagegen war, dass nicht bereits bei der ersten Interaktion das Bekenntnis aller Beteiligten zu einem gemeinsamen Ziel, einer Vision formuliert wurde. Dies hätte der erste Punkt der Agenda sein müssen. Bei einer Einigung darüber, wovon ich implizit ausgehe, hätte man die erste zarte Pflanze der Einigung würdigen und eine positive Stimmung in den nächsten Agenda-Punkt mitnehmen können. Hier werden die Stimmen auch lauter, dass sich eine Seite benachteiligt fühlt. Und es wird nicht damit gearbeitet. Ähnlich wie in Konflikt-Verhandlungen oder Mediationen, muss man bei Verhandlungen dieser Art penibel darauf achten, dass alle Parteien dieselben Redeanteile haben, Einwände äußern können, ihre Punkte gehört und aufgenommen werden. Es fehlte jedoch – soweit mein Wissensstand – eine neutrale Moderation. Wer soll denn auf die Unparteilichkeit, die Neutralität und auf die Spielregeln achten? Merkel als Mitglied einer der Verhandlungsparteien ist dafür nicht geeignet. Das hätte ihre subjektive Machtposition noch mehr gestärkt. I

Aber nicht nur die FDP misstraute Merkel. Auch andere Sondierer belauerten einander. In den vergangenen Wochen hatten immer wieder Tweets und Interviews für Unfrieden gesorgt. Oft diskutierten die Politiker darüber, wer nun schon wieder etwas ausgeplaudert habe. Und warum. So hatten etwa Lindner, Andreas Scheuer und Cem Özdemir Papiere aus den Sondierungen fotografiert und getwittert. Eine Grünen-Politikerin hatte irgendwann das Gefühl, es wäre besser, wenn nun mal alle ihre Telefone wegschmissen und nur noch miteinander redeten. Nichts sollte mehr nach außen dringen. Es wurde aber nie ernsthaft über eine PR-Pause gesprochen.

I Eine PR-Pause erscheint mir auch wenig zielführend. Das Problem ist, dass hier die Vertraulichkeit der Gespräche verletzt wurde. Dass ein „Belauern“ stattfand ist nicht besorgniserregend, sondern eher normal. Aber die unkontrollierte Einbindung der Öffentlichkeit zu einem sehr frühen Stand verhindert das Wachstum des noch zarten Vertrauenspflänzchens.

 Hier können sich die beteiligten Politiker eine Scheibe von den Wirtschaftsgrößen abschneiden. Verhandlungen auf Top-Ebene finden normalerweise an abgelegenen und ruhigen Orten statt, damit man sich vollkommen darauf konzentrieren kann. Mobiltelefone sind manchmal sogar ganz verboten.

Dass die Öffentlichkeit an wichtigen Deals ein Interesse hat ist selbstverständlich. Es ist aber weder für eine Verhandlung noch für die Öffentlichkeit hilfreich, falsche oder unvollständige Informationen in Umlauf zu bringen. Vor allem da die politischen Parteien im Wahlkampf bereits deutlich ihre Positionen bezogen haben – wodurch sie ihren eigenen Verhandlungsspielraum minimiert haben. Die Einbindung der Öffentlichkeit hätte nach jeder Verhandlungsrunde mitverhandelt werden müssen. Wenn Unternehmen einen Deal abschließen möchten, an dem auch die Öffentlichkeit Interesse hat, verhandelt ein guter Neutraler die Frage „Wer von Ihnen möchte welche Aussage nach der heutigen Sitzung öffentlich treffen?“ mit. Alle Beteiligten sind Vertreter von Gruppen und haben also eine Rolle inne. Sie müssen der Gruppe signalisieren, dass sie ihre Rolle erfüllen. Wenn sich die Vertreter der Gruppen nicht darüber unterhalten, welche Aussagen in der Öffentlichkeit zum Zwischenstand getroffen werden, entsteht Empörung auf der Gegenseite. Und Empörung ist immer der Anfang eines Konflikts. I

Merkel selbst gab nichts preis. Einmal kam Lindner in eine Verhandlungsrunde und sagte, er habe gesammelte Pressestimmen mitgebracht und wolle darüber reden. Teilnehmer erinnern sich, wie Merkel daraufhin sagte: Am besten schalten Sie Ihre Handys aus und lesen nicht alles, was in der Presse steht. I Merkels Intervention ist klug. Pressestimmen standen wahrscheinlich nicht auf der Agenda und alle Seiten hätten wertvolle Zeit verloren. Wieder ist jedoch die Art und Weise des Gesagten das Problematische. „Meine Herren, spricht was dagegen, dass wir uns darüber in den anstehenden Pausen unterhalten und nun wieder zur Agenda zurückkehren?“ wäre etwa ein viel zielführender Satz gewesen. Aber die Äußerung wäre aus einer neutralen Moderation noch wirkungsvoller gewesen. I

Am Donnerstag hatte Lindner keine Pressestimmen dabei; aber ein Handout. Das verteilte er in der Runde zur Europapolitik. Es waren Auszüge aus dem Koalitionsvertrag in den Niederlanden. Die anderen wunderten sich: Was soll das denn werden?! Lindner las ein paar Stellen vor: Die Regierung lehnt die gemeinsame Finanzierung von Schulden in der Europäischen Union ab; sie will keinen Mechanismus, um wirtschaftliche Erschütterungen in einem Eurostaat abzufedern. Der Regierungschef in den Niederlanden ist ein Rechtsliberaler, Mark Rutte. Seine christlich-linksliberalen Koalitionspartner haben sich seinen Wünschen gefügt. Lindner schlug vor, die Formulierungen zu übernehmen, in einem Punkt sogar noch weiter zu gehen. I Hier nutzt die FDP Standards, um ihre Argumentation zu untermauern. Gute Idee. Besser wäre es, die Forderung zu äußern, die Gedanken der anderen Verhandlungspartner zu hören und erst dann das Argument mit Standards zu untermauern. Die umgekehrte Reihenfolge bewirkte, dass sich die Verhandlungspartner überrumpelt fühlten. Ebenfalls wäre es hilfreich gewesen, alle am niederländischen Papier mitwirkenden Parteien zu nennen. Die FDP hätte dadurch das Gefühl, dass der Vorschlag ausschließlich liberal und ideologisch gefärbt ist, entkräften können. I

Reinhard Bütikofer von den Grünen winkte ab: Es habe doch keinen Sinn, jetzt ideologische Debatten auszutragen. Auch die Unionspolitiker fanden, bei aller Sympathie für eine klare Haltung, dass Deutschland nicht mit den Niederlanden vergleichbar sei.

Aber die FDP war mit anderen Plänen in den Wahlkampf gezogen. In ihrem Wahlprogramm stand sogar, dass der in der Euro-Krise geschaffene Stabilitätsmechanismus ESM „kontinuierlich wieder zurückgefahren wird und dieser langfristig ausläuft“. Die Union sieht das anders, sie will den Rettungsschirm zu einem Europäischen Währungsfonds weiterentwickeln, damit Europa unabhängig wird vom Internationalen Währungsfonds in Washington. Diese Pläne stoßen in Brüssel auf großen Widerhall, neuerdings auch in Paris.

Zwei Europapolitiker der FDP, Alexander Graf Lambsdorff und Michael Theurer, hatten heftig protestiert, als der Passus zum ESM plötzlich im Parteiprogramm stand. Theurer soll gar damit gedroht haben, aus der Partei auszutreten. Er blieb dann doch. I Das ist das Problem mit distributiven Verhandlungstaktiken, wie bspw. Drohungen: einmal geäußert, muss man sich daran halten. Das heißt, man braucht eine attraktive Alternative. Andernfalls macht man sich unglaubwürdig. I Der Passus aber auch. Daraus ergab sich für Theurer, Lambsdorff und auch Volker Wissing aus Rheinland-Pfalz in den Sondierungen eine nahezu absurde Situation: Sie sollten einen Standpunkt vertreten, den sie selbst aus innerster Überzeugung ablehnten. Nach der ersten Besprechung in der Arbeitsgruppe war das Ende des ESM vom Tisch – aber schon in der zweiten wieder Thema. Lindner hatte darauf bestanden. Unionsleute berichten: Es seien Sätze gefallen wie „Das können wir so nicht machen, sonst macht Lindner gar nicht mehr mit“ oder scherzhaft: „Ihr kommt dann aber zu unserer Beerdigung.“ Mehrmals ging das so. Die Fachpolitiker waren gedemütigt. Erst als der FDP-Chef es wollte, wurde die ESM-Position geräumt. I An sich unproblematisch, aber polarisierend dargestellt. Ankreiden kann man höchstens, dass die FDP intern Verhandlungsschwächen gezeigt hat. Aber Lindner ist in seiner Gruppe der Decision Maker. Seine Entscheidungen müssen respektiert und mitgetragen werden, vor allem durch die Mitglieder seines Verhandlungsteams. I

Wie war der Punkt ins Wahlprogramm der FDP gekommen? Ein Flügel der FDP hatte ihn hineingeschrieben, der in den letzten Jahren öffentlich kaum noch Beachtung fand: die Eurokritiker rund um Frank Schäffler und Hermann Otto Solms. Sie hatten 2011, als die FDP noch in der Regierung war, einen Mitgliederentscheid gegen den ESM angestrengt und verloren. In den vergangenen Jahren gehörte Solms zu den entscheidenden Leuten beim Wiederaufbau der FDP. Er hatte die Aufgabe, der Partei frisches Geld zu beschaffen, den eisernen Sparkurs in der Parteizentrale durchzusetzen. Das hat er geschafft. Zugleich war Solms schon 2009 der Verlierer: Seine Steuerreform zerfiel zu Asche, den Posten als Finanzminister verpasste er. Kaum jemand in der FDP-Delegation stand Merkel so skeptisch gegenüber wie er.

Möglicherweise hatten Union und Grüne den Einfluss und auch die Skepsis von Solms unterschätzt. Mit Grünen-Begriffen wie „faire Wärme“ oder „atmender Rahmen“ kann er wenig anfangen. Umgekehrt ist Solms mit 77 Jahren in einem Alter, wo man sich nicht dauernd mit detaillierten Klimaprognosen befassen möchte. In der entsprechenden Arbeitsgruppe saß ihm der Klima-Nerd Anton Hofreiter gegenüber. Das konnte nicht passen. Solms bestimmte aber vor allem in der Finanz- und Europapolitik den Kurs. I Dass es „nicht passen“ konnte ist aus Verhandlungssicht nicht korrekt. Es ist sogar eher die Regel, dass verschiedene Parteien zu Beginn Informationsasymmetrien unterliegen. Der Einsatz von Standards im Zusammenhang mit detaillierten Klimadaten ist klug. Aber hier hätte Hofreiter sein Gegenüber dabei unterstützen müssen, die Position der Grünen besser zu verstehen. „Den Gegner unterstützen?“ höre ich da in der Regel von meinen Kunden. Selbstverständlich! Niemand wird sich auf etwas einlassen, das er nicht versteht. Je mehr man den Verhandlungspartner unterstützt, den Deal intern verkaufen zu können, umso höher sind die Erfolgsaussichten. Keiner der beiden Genannten hat jedoch so mit der Informationsasymmetrie gearbeitet, dass davon beide Seiten profitiert hätten. Grundsätzlich sollte man seine eigenen Argumente immer so vortragen, dass der andere sie versteht. Nur wer die Sprache des Verhandlungspartners spricht, kann sich bei ihm Gehör verschaffen. I

Lambsdorff machte aber nicht nur der Kollege Solms zu schaffen. Er litt unter dem Verfahren der Verhandlungen. Er hätte es bevorzugt, dass die Chefs erst mal verabreden, was in den Arbeitsgruppen ausgearbeitet wird. Die FDP wäre dazu bereit gewesen, sie ist ohnehin voll auf Lindner ausgerichtet. I Dass die FDP voll auf Lindner ausgerichtet sei, schmälert nicht die Richtigkeit des Vorschlages. Es ist sogar klug und empfehlenswert, was die FDP vorgeschlagen hat. Die Expertenrunden hätten Verhandlungsspielräume, also Ziele und Limits jeder Partei und die Prioritäten der jeweiligen Unterthemen, herausarbeiten müssen, sodass die Hauptverhandler Manövriermasse an den Tisch hätten bringen können. I Aber die Grünen hätten das Verfahren niemals akzeptiert. Ihre Gruppe aus 14 Sondierern, die sich selbst die „Wilde 14“ nannte, repräsentierte alle Strömungen und Regionen der Partei in einem ausgewogenen Verhältnis. Alle sollten zum Zuge kommen, alle ihre Punkte machen. Und es klappte ja auch, sogar mit Jürgen Trittin. Nur so wäre der Grünen-Parteitag Ende November zu bestehen gewesen. I Hilfreich wäre es gewesen, wenn die Grünen vor dem ersten Treffen bereits intern eine Vorverhandlung geführt hätten, um die Komplexität der Sondierungsgespräche nicht zu sprengen. Bei drei politischen Parteien gilt es eigentlich schon genug Interessen unter einen Hut zu bringen. Wenn zwei Parteien mit 14 Strömungen einer anderen Partei verhandeln ist ein Scheitern fast vorprogrammiert. Den Grünen könnte man hier vorwerfen, sich schlecht auf die Sondierungsgespräche vorbereitet zu haben. Das Bedienen parteiinterner Diskrepanzen kann nicht Ziel einer Verhandlung mit anderen Parteien sein. I

Es war jetzt schon Donnerstag Abend; die Nacht brach herein. Eigentlich hatte man fertig sein wollen mit den Sondierungen. Aber ein Ende war noch nicht in Sicht. I Der Zeitaspekt wurde nicht nur in diesem Artikel, sondern vielfach in der Presse angesprochen. Es hilft, sich erneut vor Augen zu führen, dass eine Vielzahl an Themen sondiert werden musste. Und zwar von drei Gruppierungen, die auf den ersten Blick nicht viele Überschneidungen haben. Das dauert. Selbst ein zeitlicher Rahmen von acht Wochen ist aus meiner Sicht schon sehr ambitioniert. Außerdem ist es empfehlenswert, dass sich alle Verhandlungspartner in der Vorbereitung Gedanken machen, wie viele Sitzungen sie wohl benötigen werden. Das sollten sie auch in der ersten Interaktion mit den Verhandlungspartnern besprechen. Ich vermute, dass es keine sorgfältige Vorbereitungsphase gab. Nichtsdestotrotz, gibt es bei der Komplexität der Thematik keinen Grund, verpasste Deadlines dermaßen zu bedauern. I Gegen halb zwei zogen die acht Verhandlungsführer – Merkel, Kauder, Seehofer, Dobrindt, Lindner, Kubicki, Özdemir und Göring-Eckardt – sich gemeinsam in einen Salon zurück. Das Rauchverbot wurde aufgehoben, Wein geordert. Man wollte Bilanz ziehen. Jede Partei sollte sagen, wo die Gespräche aus ihrer Sicht stehen und wo noch verhandelt werden muss. I Mir unverständlich ist das gewählte inoffizielle Setting. Sollte das Lässigkeit, oder Kumpanei signalisieren? Das Thema Verhandlungsfortschritt und Assessment der Lage gehört moderiert und am Verhandlungstisch diskutiert. I Lindner zählte auf, was er bisher alles nicht bekommen hatte: flexiblere Arbeitszeitregelung, Aufhebung des Kooperationsverbots, Einschränkung der Vorratsdatenspeicherung. I Lindner redet hier über seine wichtigsten Themen. Klug wäre es gewesen, wenn einer der Verhandlungspartner ihn nach seiner Priorisierung gefragt und dabei auch Verständnis für seine Enttäuschung signalisiert hätte: „Christian, ich kann gut verstehen, dass du unzufrieden bist. Ich glaube aber nicht, dass jemand von uns mit einer 100%igen Zielerfüllung bei allen Themenblöcken nach Hause geht. Wenn du dir die Punkte anschaust, die du gerade genannt hast, und sie in eine Reihenfolge bringen würdest, wie wäre diese? Auch in Hinblick auf deine parteiinternen Diskussionen.“ Lindners Frust wäre wahrgenommen und in Sachlichkeit übergeleitet worden. Nach der Frage hätten alle still sein und zuhören müssen. So hätten sie mehr über die Erwartungen der FDP lernen können. I Einer entgegnete: Du hast den Soli, das nehmt ihr mit nach Hause! I Stattdessen wurde Öl ins Feuer der Enttäuschung gegossen. Ich bezweifle stark, dass die Person, die diese Soli-Äußerung getätigt hat, der Ansicht war, dass der Solidaritätszuschlag DAS Top-Thema der Liberalen wäre. Stattdessen sendete er an das Appellohr die Botschaft „Halt die Klappe und gib dich mit etwas Kleinem zufrieden. Hätten Sie sich an Lindners Stelle verstanden und wertgeschätzt gefühlt? I Mehreren Teilnehmern war aber klar, dass das zu dünn war. Merkel holte Thomas de Maizière in die Runde, den Innenminister, und gab ihm den Auftrag, bei der Vorratsdatenspeicherung etwas auszuarbeiten, sie sollte nicht mehr anlasslos möglich sein. De Maizière verzog das Gesicht, er hält diese Form der Überwachung für dringend notwendig. Aber er fügte sich. I Hier verlässt Merkel erneut den Rahmen der auf Augenhöhe Verhandelnden. Wieso gibt eine Verhandlungsseite Anweisungen, ohne die Restlichen eingebunden zu haben? I

Etwas später in dieser Nacht setzte Seehofer an, vorsichtig, denn es ging um ein heikles Thema: den Familiennachzug. Ja, man wisse, dass der nur mit den Stimmen der Grünen im Bundestag weiter ausgesetzt werden könne. Und man schätze es hoch, dass die Grünen sich beim Thema Migration bewegen würden. Also werde sich auch die CSU beim Familiennachzug bewegen. Seehofer fragte sodann die Grünen, ob sie einen Vorschlag machen wollten. Göring-Eckardt und Özdemir kamen gar nicht dazu, eine Antwort zu formulieren. Lindner grätschte dazwischen: Wenn die CSU bei diesem Thema umfalle, werde die FDP stehen. Sie übernehme dann die CSU-Position. Zu hundert Prozent.

Özdemir und Göring-Eckardt waren baff: Was ist das jetzt hier? Warum gab Lindner ausgerechnet bei diesem Thema den Hardliner? Im FDP-Wahlprogramm stand kein Wort zum Familiennachzug. Oder war Lindner einfach klargeworden: Jamaika wird nicht mehr an der CSU scheitern, so dass er das Projekt selbst an die Wand fahren musste? I Nein, die Schlussfolgerung aus dieser Interaktion, dass die FDP nicht mehr an ein Zustandekommen der Koalition glaubte ist zu kurz gedacht. Was geschehen ist, findet täglich in Mediationen statt. Zwei von drei Partnern überhäufen sich mit Lob. Es ist zwar wichtig und hilfreich, Entgegenkommen einer Seite auch adäquat zu würdigen, dabei darf aber die dritte Verhandlungspartei nicht unbeachtet links liegengelassen werden. Indem Grüne und CSU anfangen über konditionale Zugeständnisse zu reden, degradieren sie die FDP zum Zuschauer. Lindners Reaktion ist menschlich und emotional nachvollziehbar. Stellen wir uns einen Mann vor, der Badeurlaub liebt. Sonntags am Familientisch aber reden seine Frau und die Kinder über den bevorstehenden Urlaub in den Bergen als ob nur noch die Frage nach Schweiz oder Österreich offen wäre. Mit großer Wahrscheinlichkeit wird sich der Mann denken: „Moment mal, wann haben wir uns eigentlich für die Berge entschieden und warum habe ich da nicht auch ein Wort mitzureden?“. Etwa so hat sich wahrscheinlich Christian Lindner gefühlt. Und seine Reaktion ist nachvollziehbar. Auch hier hätte eine neutrale, mediativ geschulte Moderation der Verhandlung gut getan. I

Die Spitze der CDU empfand Lindners Vorstoß als „sehr krass“ und „sehr überraschend“. Alexander Dobrindt, Chef der CSU-Landesgruppe, wandte sich an Seehofer und sagte: Schau, das passiert, wenn wir uns bewegen. Die FDP holt uns rechts ein. Dobrindt war in den drei Wochen zuvor vor allem als Skeptiker, Bremser und gelegentlich derber Diskutant aufgefallen. Seehofers Entgegenkommen schien ihm nicht sonderlich zu gefallen. I Empörung löst Empörung aus, die Kränkung wächst, der Konflikt eskaliert. Und es werden falsche Rückschlüsse gezogen. I

In dieser Donnerstagnacht in der Parlamentarischen Gesellschaft war die Stimmung nach Lindners Ansage wie vereist. I Wieso denn? Weshalb arbeitet denn keiner mit der Reaktion? Emotionalität heißt, dass der FDP immer noch viel an der Einigung liegt, sich jedoch übergangen fühlt. I Was dann folgte, wird als „sehr harte halbe Stunde“ beschrieben. Man machte Lindner klar: Mit dieser Haltung kann nie etwas werden aus Jamaika. I Jetzt argumentieren die anderen zwei Partner auf der Sachebene. Sie antworten sachlich auf eine Emotion. Das mag vielleicht typisch Deutsch sein, erfolgreich ist eine solche Reaktion jedoch nie. Außerdem verbirgt sich hinter der Aussage „sonst wird das nichts“ eine indirekte Drohung. Was soll Lindner denn verstehen? Entweder er akzeptiert seine Rolle als Zuschauer, oder das Ganze scheitert? Kein Wunder, dass sich die FDP als bloße Stimmen-Beschafferin fühlte. I

Göring-Eckardt trug noch einmal die grüne Sicht vor: Wir können einer Verlängerung der Aussetzung des Familiennachzugs nicht zustimmen. Lindner, unter Druck, beschwichtigte schließlich. Man möge bitte diesen Teil des Gespräches streichen, vergessen. Sonst hätte man wohl abbrechen müssen. Die Runde vertagte sich auf Freitag, die Sondierungen gingen in die Verlängerung. Doch die Szene, Lindners Szene, konnte keiner vergessen. I An dieser Stelle muss ich wahrscheinlich erneut betonen, dass ich selbst im frühen Verhandlungsverlauf die FDP verdächtigt habe, eine andere Agenda zu haben. Aber, um auf die obige Passage zurückzukommen: Da hatten Union und Grüne eher Glück, dass Lindner nicht abgebrochen hat und stattdessen das Geschehene streichen ließ. Es war keine dramatische Szene, es war eine glasklare Botschaft und eine sehr eindeutige Kommunikation! Bemerkenswert hingegen ist, dass sich die gekränkte Seite von selbst (!) wieder beruhigt und zur Sachlichkeit gebracht hat. I

Bevor in dieser Nacht alle die Parlamentarische Gesellschaft verließen, ging Özdemir noch einmal zu Lindner. Özdemir ist Pragmatiker. Er bewundert es, wie Lindner die FDP aus der Versenkung geholt hat. Die beiden duzen sich. Wer allerdings behauptet, Lindner und Özdemir seien Duzfreunde, bekommt zur Antwort, das Duzen komme bloß daher, dass beide in Aachen den „Orden wider den tierischen Ernst“ bekommen hätten. Das verpflichtet quasi zum du. „Christian, was brauchst du von uns? Was können wir für Dich tun?“, fragte Özdemir. I Sehr gute Frage! Leider etwas spät. I Lindner schüttelte den Kopf, er sah dem Grünen nicht in die Augen. I Schade, dass Lindner die Chance nicht genutzt hat, mit dem Ersten, der ihm ernsthaft zuhören wollte, zu reden. I

Während der vergangenen Stunden hatten die anderen Sondierer der Dinge geharrt. Jeder Partei war ein Raum zugeteilt, in den sie sich zurückziehen konnte. I Gute Organisation. Bei Verhandlungen dieser Komplexität hervorragend gelöstI Im FDP-Raum wurde Lindner sehnlich erwartet; man hielt sich mit Kaffee wach, las, redete mit den Leuten von CDU und CSU, die auch warteten. Die Stimmung war im Keller. I Wieso denn? Weil Dissens herrschte? Bei unterschiedlichen politischen Parteien keine Überraschung. Es klingt, als ob die Verhandlungsteams emotional nicht auf das Bevorstehende vorbereitet wurden. I Aber immerhin, dachten die FDP-Leute, würde Lindner nun mit den anderen Chefs die „Dissenssammlung“, eine lange Liste mit den Streitpunkten, durchsprechen. Als Lindner endlich zurückkam, erzählte er, es sei gar nicht um das Papier gegangen, man habe nur über den Familiennachzug gestritten. Die FDP-Sondierer fühlten sich und ihre Partei nicht ernst genommen: Man schreibt wochenlang Papiere, und dann geht es gar nicht um die. I Das Gefühl ist menschlich und nachvollziehbar. Jeder, der Zeit, Energie, Leidenschaft, Emotionen und Ressourcen in eine Sache investiert hat, ist enttäuscht, wenn am Ende nichtmal darüber gesprochen wurde. Es ging nicht um das Papier heißt wohl, man hat die Agenda verlassen. Das kommt vor. Umso wichtiger, dass es jemanden gibt, der wieder in den Verhandlungsrahmen zurückführt. I

Als Lindner kurz vor fünf am Freitagmorgen die Parlamentarische Gesellschaft verließ, nahm er große Worte in den Mund. „Wir sind heute ganz viele Schritte weitergekommen“, sagte Lindner den wartenden Journalisten. Ein solches „historisches Projekt“ dürfe nicht an ein paar fehlenden Stunden scheitern. Von einem Projekt hatte er bis dahin nie gesprochen.

Bei den FDP-Unterhändlern herrschte ein anderer Eindruck: Die Sache ist gescheitert. Ein FDP-Mann sagt, dass er am Freitagmorgen ins Bett gegangen ist in der festen Überzeugung, in den nächsten Stunden würde das Ende der Sondierungen auch öffentlich verkündet. Er legte sich kurz schlafen. I Hier zeigt sich erneut das Fehlen einer koordinierten Informationsweitergabe an die Öffentlichkeit. Viel gravierender ist jedoch, dass Emotionen selbst innerhalb der einzelnen Verhandlungsteams nicht ernst genommen werden. Anstatt Frustrationen anzusprechen und zu versuchen sie konstruktiv zu nutzen, verstärkt man sie auf diese Weise nur. I

Nach dem Aufwachen, es war nun Freitagvormittag, schaute der FDP-Mann auf sein Handy. Journalisten hatten ihm SMS geschrieben: Woran hängt es? Was sind die Themen, über die ihr streitet? Der Politiker wunderte sich, dass draußen der Eindruck entstanden war, es hänge nur noch an einzelnen Themen. Er rief die Journalisten an und sagte: Es hängt an allem: Wenn ich nicht ganz falsch liege, „ist es das gewesen“. Er schätzte zu diesem Zeitpunkt die Wahrscheinlichkeit, dass die Sondierungen doch noch erfolgreich verlaufen würden, „bei unter zwei Prozent, eher unter einem Prozent“ ein.

Freitag Mittag traf sich Lindner zu einem Gespräch mit Merkel und Seehofer im Konrad-Adenauer-Haus. I Hier hätte eine zeitliche Pause dem Verhandlungsprozess gut getan. Man hat sich am Abend davor im Frust getrennt, sich aber in den jeweiligen Teams nicht neu sortiert. Es ist hilfreich – vorausgesetzt man hat in den Verhandlungsrunden etwas mehr über sein Gegenüber gelernt – sich zu überlegen, was die neuen Erkenntnisse für die eigene Verhandlungsstrategie bedeuten. Hat sich die Verhandlungsmasse geändert? Hat man mehr über die Prioritäten der anderen erfahren? Kann man seine eigene Alternative stärken und attraktiver machen? I Er sagte, dass er wenig Sinn in einer Fortsetzung der Gespräche sehe. Merkel fragte ihn, ob er noch wolle. Er antwortete, er wisse nicht, „ob wir das je wollten“. I Damit meint Lindner wohl die bisher verdrängte Beziehungsproblematik aus der schwarz-gelben Koalition. Union und FDP hätten dieses Thema vor den Sondierungsgesprächen einmal deutlich ansprechen und vorverhandeln sollen – für einen echten Neuanfang. Jetzt aber braut sich ein gefährlicher emotionaler Cocktail zusammen. I Die FDP halte einen erfolgreichen Ausgang der Sondierung für „wenig wahrscheinlich“. Lindner forderte, dass Union und FDP in dieser Frage eng beieinanderblieben. Sein Ziel: die Gespräche gemeinsam abbrechen. Merkel lehnte das ab. Seehofer wollte ebenfalls weitermachen. Aber anders als Merkel, die der FDP und ihrem Vorsitzenden in den Verhandlungen meistens kühl begegnete, zeigte Seehofer Verständnis für Lindners Haltung.

FDP-Leute bekamen Kurznachrichten aus ihrer Parteispitze: Ob sie heute Abend zu diesen und jenen Themen verhandeln könnten? Einer erzählt, er sei erleichtert gewesen, dass es anscheinend doch noch eine Chance auf Einigung gab. Seine Heimreise, die er schon geplant hatte, stornierte er.

Die Verhandlungen waren für alle nicht einfach; aber für Politiker der FDP manchmal noch schwieriger. Sie litten darunter, dass sie in den letzten vier Jahren keine Basis im Bundestag gehabt hatten. Achtzig Abgeordnete, drei Viertel davon Neulinge. Das ist ein Nachteil, der sich bemerkbar machte. I Ein Nachteil, der durch eine sorgfältige Vorbereitungsphase hätte abgemildert werden können. I

Auch in der Union gab es diese Einschätzung. Die FDP sei schockiert gewesen, wie tief die Fachpolitiker in die Themen eingestiegen seien, sagt ein CSU-Abgeordneter. Aus der CDU hört man, einige FDP-Mitarbeiter hätten überfordert gewirkt und nicht auf der Höhe der Zeit, was die Gesetzeslage angeht. I Wie bereits in einem obigen Kommentar erwähnt: Das Sinnvollste in einer solchen Situation ist, sein Gegenüber durch Unterstützung zu stärken. I Schon zu Beginn der Sondierungen hatte der amtierende Finanzminister Altmaier der FDP darum angeboten, auf Mitarbeiter des Ministeriums zuzugreifen, vor allem auf welche mit FDP-Parteibuch, um von ihnen Unterstützung zu bekommen, falls sie Fragen hätten oder andere Zuarbeit brauchten. Von diesem Angebot machten sie Gebrauch, die Versorgung mit Zahlenwerk lief ordentlich.

Politikern von CDU und Grünen ist ein Auftritt von Nicola Beer besonders im Gedächtnis geblieben: Ganz zu Anfang der Sondierungen habe man in großer Runde zusammengesessen, es ging um zwölf Themen. Jede Partei durfte zu jedem Thema drei Minuten reden. I Anstatt die Positionen darzulegen und erstmal die Reaktion des Gegenübers abzuwarten, diese dann anzusprechen, Fragen zu stellen, einen Dialog zu starten, behielten die Parteien scheinbar ihren habitualisierten Kommunikationsstil im Sinne eines Diskurses bei. Das mag bei Debatten im Bundestag, wenn überhaupt, zielführend sein. Bei Verhandlungen führt diese Art der Kommunikation zu nichts. I CDU, CSU und Grüne ließen jeweils den reden, der fachlich zuständig war. Die FDP ließ zu allen Punkten nur Generalsekretärin Nicola Beer sprechen. Sie habe „das FDP-Wahlprogramm wie eine Audiokassette runtergespult“, während die anderen Sitzungsteilnehmer in Statements versucht hätten, aufeinander einzugehen. Ein Kabinettsmitglied berichtet, wie intensiv es sich auf seinen Vortrag vorbereitet habe. Und dann sei als Antwort eine kurze Beer-Vorlesung aus dem Parteiprogramm erfolgt. I Dass dieses Vorgehen für Verwunderung gesorgt hat, ist verständlich. Aber haben die Verhandlungspartner das angesprochen? Haben sie Beer die Chance gegeben, eventuell doch die FDP Experten zu Wort kommen zu lassen? Oder haben sie sich eher dem Gefühl hingegeben, dass die FDP fachlich einfach schwach aufgestellt ist?I

Ein FDP-Bundestagsabgeordneter, der nicht mitsondiert hat, sagt, er sei „sehr froh“, dass die Sondierungen gescheitert seien. Dafür gebe es inhaltliche Gründe, aber auch organisatorische: Die Partei wäre in Schwierigkeiten geraten, wenn sie, gerade erst wieder im Parlament, gleich in der Regierung gelandet wäre. Man habe ja derzeit nur „Massenbüros ohne richtige Infrastruktur“. In der gesamten FDP-Delegation gab es keinen Bundeswehrexperten.

Es gab aber auch FDP-Leute, die ihren Mitsondierern positiv auffielen, wegen ihres guten Willens und ihrer Kompetenz: Lambsdorff, Theurer und Wissing bei Europa und Finanzen, Andreas Pinkwart aus Nordrhein-Westfalen bei Bildung und Klima/Energie. Einmal musste die Klima-Arbeitsgruppe ihre Sitzung unterbrechen, weil der Ex-Professor Pinkwart per Skype einen Examenskandidaten an seiner alten Uni prüfte. Dem drückten alle die Daumen. Sie baten Pinkwart, sich bei dem Studenten in aller Namen für die entstandenen Unannehmlichkeiten zu entschuldigen.

Am Freitagnachmittag kam Merkel zur Lindner-Delegation in den Raum Ludwig Erhardt und ermutigte alle zum Weiterreden. I Merkel erzeugt, bewusst oder unbewusst, eine Dominanzsituation. I Die Grünen seien schwierig, Stichwort „Stuhlkreis“, und sie wisse, dass manchmal der Eindruck entstehe, sie und Katrin Göring-Eckardt seien einander besonders nahe wegen biographischer Ähnlichkeiten. Aber das sei oberflächlich. I Zur Erinnerung: Die erste große Empörung entstand durch das Gefühl, Union und Grüne seien sich besonders einig und die FDP in die Zuschauerrolle gedrängt. Jetzt versucht Merkel dieses Verhältnis gegenüber der FDP runterzuspielen, was herablassend gegenüber den Grünen wirken könnte. Das war vielleicht gut gemeint, kann aber nur nach hinten losgehen. Bei einem Verhältnis, das bereits von wenig Vertrauen geprägt ist, wirken diese Aussagen besonders schädigend. Was Merkel wohl über die FDP sagt? Hätte die Aussage ein Neutraler getroffen, wäre die erwünschte Wirkung wahrscheinlich eingetreten, da keine der Seiten kompromittiert worden wäre. I

Die Fachverhandlungen an diesem Freitag ergaben aus Sicht der FDP-Leute wenig bis gar nichts Neues. Sie registrierten zwar „das erkennbare Bemühen, die Probleme mit Geld zuzuschütten“, aber kein Entgegenkommen bei ihren eigentlichen Anliegen. I Kein Wunder, denn keiner der drei Verhandlungspartner hat versucht die Gegenseite zu verstehen. I

Am nächsten Tag, dem Samstag, stellte sich Lindner morgens vor die Journalisten, die auf die Sondierer warteten. Er verkündete ein Ultimatum: Morgen, Sonntag, 18 Uhr, müsse Schluss sein. I Lindner nutzt eine distributive Verhandlungstaktik (Ultimatum). Ähnlich wie bei Drohungen, muss man sich – einmal in die Welt gesetzt – auch daran halten. Schlussendlich verkündet Lindner den Ausstieg der FDP am Sonntag. I An diesem Samstag trafen sich die zwölf Arbeitsgruppen ein letztes Mal. Abends waren sie durch mit dem, was sie besprechen wollten. Was jetzt noch offen war, konnten nur die Parteivorsitzenden entscheiden. Ein FDP-Politiker sagte zu seinem CDU-Kollegen: „Ich habe das ungute Gefühl, es wird viel Kraft aufgewendet, um die Grünen ins Boot zu holen. Und die CDU übersieht, dass sie bei dieser Gelegenheit die FDP wieder aus dem Boot herausdrängt.“ Hinzu kam der Eindruck, die Union biete nur an, was sie selbst im Wahlprogramm stehen habe. „Das zeigt mir, dass die Union das nicht ernsthaft wollte. Oder sie glaubte, sie bekäme die FDP billiger.“ Aber in den Beratungen hätte sie doch merken können, dass es der FDP um die Sache gehe, und nicht darum, auf irgendeinen Ministerposten zu kommen. I Eigentlich hätten alle eine Einigungsbereitschaft wahrnehmen müssen. I Einer der jüngeren, aber wichtigen Leute aus der FDP sagt, die Union-Spitze habe sie immer nur wie „taktischen Beifang“ behandelt. Von Lindner wird berichtet, dass er gut nachmachen könne, wie Volker Kauder die Arme vor der mächtigen Brust verschränkt und gönnerhaft verkündet: „Für die FDP haben wir dann auch noch was Schönes.“ I Bekannte Muster wiederholen sich bzw. ziehen sich durch bis zum Schluss: das Gefühl der FDP, nicht ernst genommen zu werden, aber auch die scheinbar flapsige und sehr schädliche Dominanz-Sprache der Union. An dieser Stelle eine weitere Anmerkung: Meiner Meinung nach war keine der drei Parteien in einer besonderen, faktischen Machtposition. Die Union musste eines ihrer schlechtesten Wahlergebnisse einstecken, alle drei Parteien hatten Neuwahlen als Alternative bzw. die Union hätte auch eine Minderheitsregierung anstreben können – was das Regieren allerdings sehr schwierig macht. Und alle drei verfügten in der Verhandlung über die Ausstiegsmacht. Allerdings wäre der Mehrwert einer Kooperation riesig gewesen. Eine Regierungskonstellation, die es zuvor nie gegeben hat und  verschiedene Strömungen vereint hätte. Zwar fühlten sich wahrscheinlich einige mächtiger als andere, aber de facto war das nur ein Gefühl. I

Viele freuten sich am Samstagabend, dass die oft enervierenden Diskussionen in den Arbeitsgruppen endlich vorbei waren. I Scheinbar verhandelten die Delegierten der Arbeitsgruppen nicht gerne. Wie sonst lassen sich Diskussionen als nervtötend bezeichnen? I Besonders den Frauen waren die lauten Töne und Empörungsrituale unangenehm gewesen. I Das spiegelt sich auch in zahlreichen Studien der Verhandlungsforschung wieder. Frauen sind in der Regel viel besser darin, im Namen einer Gruppe zu verhandeln. Männer steigern sich oft in übertriebene Dominanzhandlungen hinein. I Eine junge Grünen-Abgeordnete sagt, Göring-Eckardt und Merkel hätten das Gekläffe am Tisch stoisch ertragen. In dieser Ausnahmesituation, unter Stress und Schlafmangel, zeigten die Leute, so empfand sie es, ihr wahres Gesicht. I Nein, sie zeigen Emotionen. Und Emotionen sind nichts Schlechtes, wenn man damit zu arbeiten weiß. I Eine andere Grünen-Abgeordnete mutmaßt: Hätten die ganze Zeit nur Frauen verhandelt, wäre die Kanzlerin jetzt schon gewählt. Kann gut sein. Und noch eine Abgeordnete erzählt von Sitzungen, in denen die Stimmung überraschend gut war. Zum Beispiel in der Runde über Familienpolitik, in der zwanzig Leute saßen. Dort sei intensiv zur Sache diskutiert worden. Von der FDP war Katja Suding mit dabei. Bei den Verteidigungspolitikern verstanden sich die konservative Ursula von der Leyen und die junge Grüne Agnieszka Brugger sehr gut.

Die Sondierungsvereinbarung, Stand Samstag, 19.15 Uhr, war 61 Seiten lang. Aus FDP-Sicht „das Dokument des Misstrauens“. Das Papier enthielt immer noch 237 eckige Klammern. Auf diese hohe Zahl wird Lindner sich nach dem Scheitern der Gespräche beziehen. Sie kam so zustande: Wenn alle vier Parteien zu einem Streitpunkt unterschiedliche Meinungen vertraten, wurde jede einzelne in Klammern notiert. I Man hätte bereits in der Vorbereitungsphase – wenn sie nur stattgefunden hätte ­– eigene Positionen und Prioritäten notieren und im besten Fall mit den Verhandlungspartnern teilen müssen. I Es gab also viel weniger Konflikte als Klammern. Außerdem waren die Klammern dazu da, eigene Positionen zu dokumentieren – selbst da, wo man sich inoffiziell schon geeinigt hatte. I Klingt negativ, ist aber gar nicht so schlecht. Diese Papiere könnte man zur Dokumentation und Evaluation nutzen – sofern die Einigung bei den jeweiligen Punkten von Dauer ist. I So stand der Abzug der in Deutschland lagernden amerikanischen Atombomben bis zum Schluss im Text. Die Grünen wollten das so, denn darauf würde ihre Basis achten. Aber intern hatten sie signalisiert, dass sie diese Geschichte in Koalitionsverhandlungen schnell abräumen würden. Und Koalitionsverhandlungen hatten noch nicht mal begonnen. I Genau das hätte jede Verhandlungsseite machen müssen, und zwar für jeden einzelnen Punkt. Dann erst weiß man, ob und wie groß die Verhandlungsmasse wirklich ist. Dafür ist die Sondierung da. Nicht, um möglichst viel nachzugeben. I Lindner ärgerte sich auch über Allgemeinplätze, die andere dann als Lösungen verkauften. Ein Beispiel: Die FDP wollte unbedingt das Rentenalter flexibler gestalten, früher raus oder länger in den Betrieben bleiben, das sollten Firmen und Arbeitnehmer selbständiger entscheiden können. In den Papieren heißt es dazu: „Wir wollen uns mit weiteren Möglichkeiten der Flexibilisierung der Rente beschäftigen.“ Die FDP fühlte sich abgespeist. I Verständliches Gefühl. Eine Formulierung der Art „konkrete Maßnahmen, um dies zu erreichen sind Bestandteil der bevorstehenden Koalitionsverhandlungen“ hätte gut getan. I

Als die Unterhändler sich am Samstagabend verabschiedeten, gab es plötzlich Aufregung. FDP-Leute rannten zu Unionskollegen: Jürgen Trittin habe der „Bild am Sonntag“ ein Interview gegeben, da seien mehrere „Bomben“ drin. Die Grünen-Spitze wusste schon davon. I Wieder einmal eine unkoordinierte Informationsweitergabe. I

Am Sonntagmorgen fuhr Christian Lindner vor der baden-württembergischen Landesvertretung vor. Unter dem Arm: die „Bild am Sonntag“. Trittin warf der FDP einen „immer euroskeptischeren Kurs“ vor. Er bezichtigte Union und FDP, „weiter Waffen in den Krieg im Jemen“ liefern zu wollen. Außerdem sei geplant, die Hand des französischen Präsidenten Macron auszuschlagen. Schließlich, so Trittin, sei beim Klimaschutz erst weniger als die Hälfte des Notwendigen erreicht. Lindner fand das Interview empörend.

Auch andere in der FDP waren wütend. Erstens wegen dem, was Trittin gesagt hatte. Und zweitens darüber, dass ausgerechnet Trittin es gesagt hatte. Man hatte ohnehin den Eindruck gewonnen, es gebe eine enge Zusammenarbeit zwischen dem CDU-Mann Altmaier und Trittin. Trittin erschien nicht nur als besonders linker Grüner, sondern auch als besonders wichtiger Gesprächspartner der Union. I Das Union-Grüne-Lagergefühl kam wieder hoch. Nicht wirklich überraschend. I

Kaum in der Landesvertretung angekommen, bat Lindner zu einem Gespräch. Teilnehmer: er selbst, Kubicki, Merkel, Kauder, Seehofer und Dobrindt. Die Grünen, die sich schon im Kaminzimmer im zweiten Stock eingefunden hatten, wurden gebeten abzuwarten. Lindner wollte das Trittin-Interview gegenüber Merkel und Seehofer als Beleg dafür nutzen, dass mit den Grünen nichts gehe, trotz aller Versuche. I Was Lindner eigentlich zum Ausdruck bringt ist: „Ich habe das Gefühl, ihr macht gemeinsame Sache, nehmt uns nicht ernst und ich vertraue euch nicht!“. Der Verhandlungs-Verlauf legt diese Interpretation nahe. I Er verkündete den anderen: „Wir wissen nun genug, um eine Entscheidung zu treffen. Die lautet: Wir wollen den Weg nicht fortsetzen.“ Es gebe „keine gemeinsame Vertrauens- und Wertebasis“.

An diesem Sonntagmorgen forderte Lindner die Union auf, gemeinsam mit der FDP die Gespräche abzubrechen. Merkel entgegnete: Nein, sie wolle es weiterprobieren. Seehofer ermunterte Lindner, „mit Stil und Anstand den Tag zu bestreiten“. Seehofer wollte auch Rücksicht nehmen auf Fachleute aus den Kommunen, die man für diesen Tag eingeladen hatte. I Bei zwölf Arbeitsgruppen und vier internen Verhandlungsteams noch weitere kommunale Experten einzuladen ist eine sehr bescheidene Idee. Das hätte man, wenn überhaupt, in einer Anfangsphase machen können. Doch zu diesem Zeitpunkt hätten diese Leute keinen Mehrwert gebracht, oder die Verhandlung um Wochen zurückgeworfen. I Die mochte er nicht verprellen. Im Kanzleramt vermutete man später, die FDP habe durch den gemeinsamen Ausstieg den Grünen den Schwarzen Peter zustecken wollen. Weil die eben zu links seien. Dabei hätten die Freien Demokraten wohl auf die CSU gesetzt. Doch das habe nicht funktioniert, weil die Grünen „zu sehr wollten. Die wollten wirklich.“ Union und Grüne hätten einander „nichts geschenkt. Aber an diesem Spiel hat sich die FDP nicht wirklich beteiligt.“ I Das letzte Zitat ist ein gutes Beispiel für verzerrte Wahrnehmung. I

Gegen Mittag kehrte Lindner zurück zur wartenden FDP-Delegation. Die war allerdings schon dezimiert; Lambsdorff und Theurer etwa, die beiden Europapolitiker, waren gar nicht mehr anwesend. Beide verwiesen auf private Termine, als Sondierer anderer Parteien nach den Gründen fragten. Ein CDU-Kollege sagte: „Wir hätten alle private Termine gehabt und sind trotzdem gekommen.“ Er wollte wissen, was die Abreise zu bedeuten habe, und bekam zur Antwort: „Das können Sie sich ja wohl denken.“ I Die Verhandlungen sind noch nicht offiziell beendet, da noch nicht verkündet. Das Verhandlungsteam der FDP muss intakt bleiben, dafür hat Hauptverhandler Lindner zu sorgen, um Störgefühle in den anderen Teams zu minimieren. Ein guter Ausstieg aus den Verhandlungen ist sehr entscheidend. Die politischen Parteien werden auch noch in Zukunft miteinander verhandeln müssen. Und Enttäuschungen setzen sich oft fest, kumulieren sich und werden nicht vergessen, selbst wenn die betroffenen Akteure längst nicht mehr aktiv sind. Die FDP kennt das, und deshalb war es äußerst unglücklich, Teile des Teams vorzeitig abreisen zu lassen. I

Lindner und seine Leute diskutierten am Sonntagmittag fast eine Stunde; dann beschlossen sie, die Gespräche fortzusetzen. Ab ein Uhr tagten die Verhandlungsführer im Kaminzimmer. Hier bricht Lindner sein eigenes Ultimatum. I Es ist zwar Sonntag, aber wenn einmal den Ausstieg verkündet wurde und man dennoch zurückkehrt, verspielt man Glaubwürdigkeit. I

Auch auf Vorschlag von Lindner entschieden sie sich dafür, jetzt erstmal nicht weiter an den Details herumzutüfteln, sondern über die großen Linien zu sprechen: Was wollen wir hier eigentlich erreichen, was ist zentral? Die CDU nannte die Außenpolitik, die CSU das Thema Migration, die Grünen das Thema Klima, die FDP Europa. I Viel zu spät! Das ist eigentlich ein Thema für die Eröffnungssitzung. I Das Gespräch verlief jetzt lockerer, die Stimmung hellte sich auf, auch bei Lindner. Seehofer versprach der FDP, sie beim Soli zu unterstützen. Fast euphorisch kehrte Lindner gegen halb fünf Uhr zu seiner Verhandlungsdelegation – etwa zehn Leute im Saal Baden – zurück. Die Stimmung dort war plötzlich wie ausgewechselt, sagt ein Teilnehmer der Runde. Zum ersten Mal seit Tagen, vielleicht sogar überhaupt, schien der FDP-Vorsitzende optimistisch, dass sich die Mühe doch lohnen könnte. Im Nachhinein glaubt Lindner, das sei Wunschdenken gewesen. I Vielleicht fühlte Lindner sich zum ersten Mal gehört. Das könnte die positive Reaktion erklären. I

Anderthalb Stunden wurde nun wieder in den Parteien beraten. Wer nicht gerade verhandeln musste, durfte sich stärken. In der baden-württembergischen Landesvertretung gab es am Sonntag Käsespätzle, Kürbissuppe und belegte Brötchen. Die waren aber abends aufgegessen. Politiker scherzten: Der Kretschmann will uns aushungern, damit wir zu einem schnellen Ergebnis kommen. CSU-Leute gingen zur nächsten Tankstelle und besorgten Chips, Erdnüsse und Salzstangen. Gerd Müller stand damit vor der Tür zum FDP-Raum, um die Freien Demokraten mit Snacks zu versorgen.

Allerdings war eine besonders heikle Frage immer noch nicht geklärt: die des Familiennachzugs für Bürgerkriegsflüchtlinge. Nun war Volker Bouffier gefragt, der als hessischer Ministerpräsident seit Jahren geräuschlos eine schwarz-grüne Koalition führt. Bouffier hatte sich schon seit längerem Gedanken darüber gemacht, wie man sich bei diesem Thema einigen könne. Er hatte dazu einen Vorschlag verfasst, der als „Bouffier-Papier“ kursierte. Anders als sonst oft, wurde dazu nichts durchgestochen. Bouffier bestand auf Vertraulichkeit, er besteht bis heute darauf. I Das erste Beispiel, wie Vertraulichkeit gewahrt werden kann. I

Die Arbeitsgruppe hatte wesentliche Elemente ihres Kompromisses aus dem Papier übernommen. So akzeptierten die Grünen, dass Algerien, Marokko und Tunesien als sichere Herkunftsländer eingestuft wurden. Mehr noch, wenn bei einem Land die Anerkennungsquote für Flüchtlinge unter fünf Prozent lag, dann sollte es ebenfalls wie ein sicheres Herkunftsland behandelt werden. In der Praxis heißt das, die Verfahren werden stark verkürzt – und das für weite Teile Afrikas. Ein Riesenerfolg für die Union. Auch bei der Obergrenze wurde eine Lösung gefunden. Die Grünen akzeptierten die von der Union vereinbarte magische Ziffer. Die grüne Formel lautete: „Seit der Wiedervereinigung hat die Zahl der Flüchtlinge insgesamt nur in fünf Jahren 200 000 überschritten. Deswegen wollen wir in diesem Rahmen auch in Zukunft handeln, gerade mit Blick auf die Integrationsfähigkeit in den Kommunen.“

Beim Familiennachzug konnten die Grünen nicht auch noch zurückstecken. Die CSU musste sich bewegen. Seehofer hatte schon Donnerstagnacht seine Bereitschaft signalisiert. Bouffier vermittelte, er redete mit Seehofer und mit Claudia Roth und schlug vor: Der Familiennachzug wird für ein weiteres Jahr ausgesetzt, bis nach der bayerischen Landtagswahl. Danach könne man im Rahmen der 200 000 den Nachzug ermöglichen – je nachdem, wieviel Luft noch bliebe. Härtefälle würden vorgehen. Roth hatte immer noch Bauchschmerzen: Für die Grünen-Basis sei das alles schwer zu schlucken. Bouffier bekam keine Zusage von ihr. Er nahm aber ein Gefühl mit: Die Grünen würden es daran nicht scheitern lassen, wenn das Gesamtpaket stimmte. I Ein perfektes Beispiel für konditionales Verhandeln. Wieso hat dies funktioniert? Bouffier hatte das „Korsett“ des Gegenübers verstanden und bedient. Die Hauptmotivation eines Politikers ist wiedergewählt zu werden, indem er seine Wahlversprechen zu erfüllen versucht. Bouffier hat Einigungsbereitschaft bei diesem Punkt wahrgenommen und seinem Partner eine Möglichkeit angeboten, in der Sache voranzukommen, ohne jedoch das Gesicht vor den eigenen Leuten zu verlieren. I

Um halb acht ging die Runde der Verhandlungsführer weiter. Doch bewegte man sich aus Lindners Sicht schon wieder rückwärts; die Enttäuschung kehrte ebenfalls zurück. Zum Beispiel hatte die Gruppe der Europa-Verhandler sich mühsam darauf geeinigt, die europäischen Finanzinstrumente nicht weiter auszubauen. Ein Budget für die Eurozone sollte es nicht geben, jedenfalls nicht außerhalb des EU-Haushalts. Das wollte Merkel nicht akzeptieren. Sie machte den Konsens wieder auf, obwohl er zwischen allen Partnern feststand. Merkel selbst hält zwar auch nicht allzu viel von einem solchen Budget, sie lehnt größere Summen ab. Aber sie dachte an Emmanuel Macron. I In komplexen Verhandlungen kommt es oft vor, dass einige Zugeständnisse erneut diskutiert werden. Das ist per se nicht schlimm, man dreht eine Extra-Runde. Wenn jedoch die Beziehungsebene derart ruiniert ist und es keinen Neutralen gibt, der die Situation entschärft, kann das größere Konsequenzen nach sich ziehen. I

Der französische Präsident hatte mit der Forderung nach einem Haushalt für die Eurozone seinen Wahlkampf bestritten. Und während der Sondierungen hatte er seinen Finanzminister nach Berlin geschickt, um genau so etwas zu verhindern: eine einseitige Festlegung in einem Koalitionsvertrag, die Verhandlungen zwischen Paris und Berlin unmöglich machen würde. Merkel bestand auf einer Formulierung, die ihr da Spielraum ließ. Für Lindner ein Affront. Er hatte im Wahlkampf gesagt: Eine „Geld-Pipeline aus Deutschland in andere EU-Staaten wäre mit der FDP nicht zu machen.“

Auch beim Soli lief es nicht so, wie Lindner wollte. Die Formel, die auf dem Tisch lag, reichte ihm bei weitem nicht. Und bei der Aufhebung des Kooperationsverbots hatte es so ausgesehen, als lenke Kretschmann ein. Jetzt sagte Seehofer: Nein, ausgeschlossen. I Besonders schwierig hier ist, dass die Verhandlungspartner ihre Position bei dem einzigen Punkt den sie der FDP  zugestanden haben, wieder verändern. Es ist keine Kohärenz zwischen Zusagen und Taten erkennbar. Im Gewühl von Enttäuschung, Empörung und schwindendem Vertrauen wird die Ernsthaftigkeit einer Einigung zu Recht in Frage gestellt. I

Die Union ging dagegen auf einen Vorschlag der Grünen ein: Sie wollten das Freihandelsabkommen mit Kanada im Bundestag nicht ratifizieren, 95 Prozent wären freilich trotzdem in Kraft geblieben. Kubicki empörte sich, es war kurz nach neun, und erklärte: „Ich gehe jetzt.“ Lindner schickte um 21.12 Uhr eine SMS an seine Delegation draußen: „Es wird hier scheitern.“ I Das alte Muster der Union-Grünen-Fraktion wird für die FDP wieder bestätigt. Das passt erneut nicht zu dem Gesagten und erinnert an Verhaltensweisen aus früheren Verhandlungsrunden. I

Eine halbe Stunde später kehrte er zurück in den FDP-Raum. Ein FDP-Mann beschreibt Lindners Stimmung zu dem Zeitpunkt: Er sei hochemotional gewesen, sehr wütend, habe null Vertrauen mehr gehabt zu den anderen Parteien. Er habe sich in eine Falle gelockt gefühlt: Entweder die FDP macht mit und ist dann in einem Formelkompromiss gefangen wie 2009. Oder sie macht nicht mit und ist dann die unmenschliche Partei, die beim Familiennachzug nicht mitgespielt hat, also angesichts trauriger Kinderaugen hart geblieben ist.

Lindner dann zu seinen Leuten: Ihr habt mir gesagt, ich solle weiter verhandeln. Das habe ich getan. Jetzt sagt mir: Was sollen wir machen? Zwei Mitglieder des Präsidiums antworteten: „Es hat keinen Zweck mehr.“ Ein Nordrhein-Westfale stimmte zu: „So ist das für uns nicht tragbar.“ Schließlich war man sich einig: abbrechen. Lindner skizzierte mit blauem Schreiber auf Papier, was er gleich den anderen Verhandlungsführern und dann den Journalisten sagen wollte. Die FDP-Leute feilten gemeinsam an den Sätzen. Dann hockte Lindner sich an einen Laptop, Kubicki zu seiner Rechten, und tippte ab: „Wir haben Stunden, Tage und Wochen miteinander gerungen. Heute am Tage länger, als wir uns vorgenommen hatten. Wir haben als Freie Demokraten zahlreiche Angebote zum Kompromiss unterbreitet …“ Als er fertig war, druckte ein Mitarbeiter das Papier aus. Mit diesem Zettel kehrten Lindner und Kubicki zu Merkel und den anderen ins Kaminzimmer zurück.

Auch die Grünen hatten sich auf die letzte Runde dort vorbereitet. Ihre Haltung war gewesen: Wir schnüren jetzt ein Paket, bei dem jeder Partner auf seine Kosten kommt. I Dabei haben sie scheinbar gar nicht wahrgenommen, dass ein Partner sich wiederholt nicht verstanden, gehört und beachtet fühlte. „Sach-Pakete“ schnüren ohne auf die Emotionen am Verhandlungstisch einzugehen funktioniert leider nicht. I Die Union soll einen Kompromiss bei der Migration bekommen. Allerdings wurde der heikelste Punkt, Familiennachzug, nicht erwähnt. Beim Kohleausstieg sollte nun Merkels Angebot, sieben Gigawatt, ausdrücklich akzeptiert werden. Gegenüber der CSU waren die Grünen sogar bereit, die Mütterrente zu unterstützen; die CSU wollte sie ab dem dritten Kind, die FDP erst ab dem vierten Kind. Und die Grünen? „Whatever it takes“, sagte einer ihrer Unterhändler. Koste es, was es wolle. I Hier scheint auch eine Art Aktionismus entstanden zu sein. Die Themenblöcke waren zwar nicht abschließend besprochen, aber man wollte schon Pakete vereinbaren. I

Die FDP sollte beim Soli ein Zugeständnis bekommen. Zum einen sollte nun doch festgeschrieben werden, dass er bis 2024 komplett abgeschafft wird – eine gesetzliche Bindung über die Legislaturperiode hinaus. Das hatte Lindner immer wieder verlangt. Außerdem war man bereit, auch beim Volumen für die nächsten vier Jahre noch draufzulegen: zwölf statt zehn Milliarden Euro. Neunzig Prozent der Bürger hätten dann schon in vier Jahren keinen Cent mehr zahlen müssen, das hatte Altmaier im Finanzministerium ausrechnen lassen.

Während die Chefs sich versammelten, vertrieben sich viele andere Politiker die Zeit im Foyer. Da aßen und tranken sie was, unterhielten sich. FDP-Leute wurden von den anderen gefragt, wie es denn jetzt aussehe? „Na, wie soll es schon aussehen.“

Gegen elf begann oben die letzte Runde. Auf dem Tisch lag der Zettel mit den Punkten, die der FDP die Sache erleichtern sollten. Die kamen gar nicht mehr zur Sprache. Seehofer begann: Eine Einigung sei möglich. I Dominanzhandlung der Union. Aber auf welcher Basis sei denn eine Einigung möglich? Das wäre in der Tat ein Kompromiss gewesen, denn keiner hat den anderen verstanden und trotzdem wurden bereits Pakete geschnürt, die nicht alle Themen abdeckten und bei denen keine der Parteien besonders brillant ausgesehen hätte. I Lindner ergriff das Wort: Es habe keinen Sinn mehr. Merkel: Er solle das inhaltlich begründen. I Nein, er muss es nicht inhaltlich begründen. I Die anderen mahnten: Man müsse jetzt Verantwortung für Deutschland und Europa übernehmen.  I Wieder eine Drohung. I Sie beschrieben, was jetzt schon alles erreicht worden war. Özdemir: Lass uns über den Soli reden, wir können da noch was machen. Lindner: Es fehlt das Vertrauen, es reicht schon jetzt nicht, was wäre erst bei einer Krise? I Essentielle Aussage! Es fehlt an Vertrauen. Und die nächstbeste Krisensituation würde sich ähnlich abspielen. I Über das, was dann geschah, gibt es verschiedene Darstellungen. Die einen sagen, Merkel habe auf ihr Handy geschaut: Sie sehe, die Presse melde es schon. Andere sagen, sie habe Lindner bloß gefragt, ob er seine Erklärung schon an die Presse gegeben habe.

Lindner sagte, er wolle, dass man im Guten voneinander scheide. Er und Kubicki standen auf, gaben allen die Hand und verließen das Zimmer. Sie blieben einen Augenblick vor der Tür stehen, die sie hinter sich geschlossen hatten. Es war etwa Viertel vor zwölf.

Drinnen waren sie baff. Manche mehr, manche weniger. Merkel hatte von Anfang an und während der gesamten Sondierungen immer wieder das Gefühl gehabt: Die FDP will nicht. I Warum? Weil keiner den subjektiven Eindruck gemacht hat, die FDP richtig verstehen zu wollen. Die FDP wollte aber scheinbar von Anfang an diese Koalition, denn anders ist ihr Verhalten in den Verhandlungen nicht zu erklären. I Dazu trugen auch öffentliche Äußerungen Lindners bei. Aber es gab auch immer wieder konstruktive Phasen, vor allem in den Arbeitsgruppen. Die Grünen waren zwar anstrengend, aber sie wollten. Die FDP dagegen strahlte aus: „Ihr nervt uns“ – die Methodik der Sondierungen, besonders die grüne Art, alles wieder und wieder durchzukauen. Aber es war doch auch viel Strittiges abgeräumt worden. Zum Beispiel beim Soli. Da hätte Lindner sein Ziel, mit etwas Verzug, zu 100 Prozent erreicht. Kurzum: Lindner wollte nicht. I Es ist fast schon amüsant, wie der Soli immer wieder und als einziges Zugeständnis bemüht wird. I

Die Politiker im Kaminzimmer sprachen sich Unterstützung zu. Man verstehe einander jetzt besser I Das bezweifle ich sehr. I, ein schwarz-grünes Bündnis sei näher gerückt. CDU und CSU versicherten einander ebenfalls, dass sie jetzt wieder einiger seien.

Lindner war inzwischen schon von seinen Leuten angesimst worden: Das dauere aber jetzt verdächtig lange. Doch kein Abbruch? Als er und Kubicki das Kaminzimmer verlassen hatten, simsten sie zurück: „Wir kommen und gehen.“ FDP-Fraktionssprecher Nils Droste bekam das Signal, er könne jetzt die Deutsche Presse-Agentur anrufen. Der teilte er mit, dass die Sondierungen gescheitert seien. Um 23.48 Uhr schickte die Agentur eine Eil-Meldung in die Redaktionen: „FDP-Fraktionssprecher: Liberale brechen Jamaika-Verhandlungen ab“.

Grüne, die nicht in der Schlussrunde saßen, erhielten per Chat-Nachricht die Info. Viele hatten bis dahin noch an ein erfolgreiches Ende der Gespräche geglaubt und im Kopf durchgespielt, wie sie das Ergebnis dem Parteitag am Wochenende verkaufen würden. Eine Grüne erzählt, es habe schon seit Donnerstag Gerüchte gegeben, dass die FDP die Sondierungen platzen lassen würde. Aber Gerüchte gab es viele.

Einige Grüne hatten die Chat-Nachricht noch gar nicht gelesen, weil sie und Kollegen aus den anderen Parteien im Foyer zusammenstanden und ein Glas Wein tranken. Die erlebten dann, wie Lindner mit Kubicki die Treppe runterkam und seinen Leuten „Wir gehen jetzt!“ zurief. Die Grünen verstanden nicht: Was sollte das? Überrascht nahmen sie zur Kenntnis, dass die FDP-Leute auf Lindners Ansage vorbereitet waren, jedenfalls sofort ihre Rollkoffer und Mäntel schnappten und ohne Diskussion aufbrachen. Das wirkte befremdlich auf die Grünen, weil dieselben Politiker ja eben noch mit ihnen herumgestanden und nichts von Aufbruch erzählt hatten.

Um 23.49 Uhr trat Lindner draußen vor die wartenden Journalisten. Während er vor den Kameras sprach, scharten sich im Foyer Politiker der Union und der Grünen um einen Fernseher. Sie wollten wissen, was passiert war. Man drehte den Ton lauter. „Sind die verrückt?“, rief einer. Die Parteichefs sahen von oben aus zu. Den Text, den Lindner aufsagte, kannten sie schon. Danach unterrichteten sie ihre Leute und kamen noch einmal zusammen. Die Reaktionen wurden abgestimmt. Und dieses: dass man gemeinsam vor die Kameras treten werde. Als es so weit war, applaudierten die Grünen der Union, die Union den Grünen.

13 Minuten nach Mitternacht twitterte die FDP eine Bilddatei, pinke Schrift vor gelbem Hintergrund: „Lieber nicht regieren als falsch.“ Auch auf Facebook veröffentlichte sie das. Die Metadaten der Datei – es kam die Zahlenfolge 171116 vor, also das Datum vom Donnerstag – deuteten darauf hin, dass die Datei schon erstellt worden war, lange, bevor die Sondierungen scheiterten. In den sozialen Netzwerken sorgte das für Aufregung. Hatte die FDP tagelang nur so getan, als hoffe sie noch auf Einigung? FDP-Sprecher Droste tritt diesem Vorwurf entgegen. Tatsächlich sei die Datei für den Donnerstag vorbereitet worden, weil für Donnerstagabend das Ende der Sondierungen angesetzt gewesen sei. Zugleich habe man für den Fall, dass weiter sondiert würde, die Datei mit dem Slogan „Veränderung braucht Mut“ vorbereitet – und dann auch am frühen Freitagmorgen gepostet. Für den Fall eines erfolgreichen Abschlusses habe man vorbereitet: „Ein Anfang ist gemacht.“ Das wurde dann nie verwendet.

Sonntagnacht verabschiedeten sich die Politiker von CDU, CSU und Grünen, nachdem sie ihre Statements vor der Presse abgegeben hatten. Viele wollten ihren Gefühlen Luft machen. Seehofer schüttelte jedem Grünen einzeln die Hand. Volker Kauder, CDU, umarmte Britta Haßelmann, Grüne. Katrin Göring-Eckardt schickte eine letzte Nachricht durch den Grünen-Verteiler: „Ich gehe jetzt schlafen.“ Viele spürten nur noch eine „Leere im Kopf“. Andere blieben noch bis zwei, redeten, um irgendwie runterzukommen. Liberale aus der zweiten Reihe schrieben Nachrichten an Grüne, mit der Bitte, weiter in Kontakt zu bleiben.

Zu dem Zeitpunkt war die FDP-Delegation längst weg. Einer der führenden CSU-Leute, so wird berichtet, habe Lindner zum Abschied umarmt und gesagt: „Das macht ihr richtig.“

War es Alexander Dobrindt? Sondierungsteilnehmer berichten von besonders guten Beziehungen zwischen Lindner, Dobrindt und Jens Spahn. Manche nennen sie sogar „eine Achse“. Die drei hätten einander die Bälle zugespielt. Dobrindt und Spahn zogen beide 2002 in den Bundestag ein, Lindner und Spahn kennen sich noch aus Zeiten, in denen der eine bei den Jungen Liberalen und der andere bei der Jungen Union war. Daraus wurde eine Freundschaft. Sie gehen dann und wann gemeinsam essen, trinken auch mal bis spät in die Nacht. Christian Lindner will mit seiner Frau als Mieter in Spahns Eigentumswohnung in Berlin-Schöneberg einziehen.

Kernpunkte (Auszug)

Was hat gefehlt oder hätte besser gemacht werden können?

  1. Standards (Zahlen, Daten, Fakten) aufbereiten, mit allen teilen und Adressaten gerecht nutzen
  2. Statt nur auf Kompromisse aus zu sein, hätte man sich vornehmen müssen, mehr über die anderen (Bedürfnisse, Interessen, Prioritäten) zu erfahren
  3. das jeweilige „Korsett“ des Gegenübers erkennen und akzeptieren
  4. konditionales Verhandeln forcieren
  5. problematische Beziehungen zwischen Verhandlungspartnern vorverhandeln
  6. Verschwiegenheit und Vertraulichkeit vereinbaren und einhalten
  7. öffentliche Statements mitverhandeln
  8. neutraler, mediativer Moderator, der stringent durch den gesamten Prozess führt
  9. distributive Taktiken (Drohungen, Ultimaten) vermeiden
  10. Emotionen zulassen und sie als Quelle neuer Informationen nutzen
  11. lernendes Mindsetting etablieren, anstatt sich über Machtpositionen Gedanken zu machen
  12. adäquate Vorbereitungszeit einplanen und nutzen
  13. Verhandlungspausen verlängern, um interne Arbeit im eigenen Verhandlungsteam gut bewerkstelligen zu können
  14. den Verhandlungspartner bei erkannten Schwächen unterstützen
  15. mehr Frauen Verantwortung in Verhandlungsteams geben
  16. Das Wissen, gut zu verhandeln, Mehrwert durch Kooperation zu schaffen und fair zu verteilen, Verhandlungskompetenz bei allen Akteuren haben gefehlt

 

be prepared

 

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[1] http://www.faz.net/aktuell/woran-ist-jamaika-wirklich-gescheitert-innenansichten-eines-gescheiterten-experiments-15312630.html?GEPC=s5

[2] begleitet für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung das politische Geschehen in der Hauptstadt http://www.faz.net/redaktion/peter-carstens-11104477.html

[3] Mitglied der politischen Redaktion der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung http://www.faz.net/redaktion/thomas-gutschker-11132364.html

[4] Politikredakteurin bei der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung http://www.reporter-forum.de/index.php?id=22&tx_rfartikel_pi1%5BshowUid%5D=413&cHash=9f44ef9726a3fc2e3706ab284ffe7dd5

[5] Freie Journalistin http://www.lydiarosenfelder.de/index.php

[6] verantwortlich für den Politikteil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung http://www.faz.net/redaktion/volker-zastrow-11104467.html

[7] https://www.duden.de/rechtschreibung/Sondierungsgespraech

[8] https://www.duden.de/rechtschreibung/Koalitionsverhandlung

[9] zone of potential agreement

Mihai Isman
Negotiations. Be prepared. Lesen Sie mehr / Enjoy reading: https://ismanundpartner.com/blog-isman-partner/
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